Das Jagged Profile – So wird Entwicklung sichtbar
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Kinder können vieles. Nur selten alles gleichzeitig. Ein Kind denkt vielleicht unglaublich kreativ – und tut sich gleichzeitig schwer, bei einer Aufgabe dranzubleiben. Ein anderes löst Konflikte mit einer Ruhe, die Erwachsene staunen lässt – aber Entscheidungen treffen fällt ihm schwer.
Das ist kein Problem. Das ist normal.
Genau das macht das Jagged Profile sichtbar.
WAS IST DAS JAGGED PROFILE?
Das Jagged Profile ist ein einfaches Werkzeug. Es zeigt, wo ein Kind gerade steht – in verschiedenen Fähigkeiten. Nicht als Note. Nicht als Bewertung. Sondern als Bild.
Kinder schätzen sich selbst ein. Sie schauen auf Fähigkeiten wie „Neugierig denken", „Gefühle regulieren" oder „Aus Fehlern lernen" und ordnen jede auf einer von drei Stufen ein:
- Grow – Ich lerne diese Fähigkeit noch.
- Practise – Ich kann sie manchmal, aber nicht immer.
- Sorted – Ich kann sie sicher anwenden.
Die Punkte werden verbunden. Daraus entsteht eine Linie – mit Höhen und Tiefen. Gezackt. Unregelmäßig. Wie echte Entwicklung eben aussieht.
WOHER KOMMT DIE IDEE?
Der Bildungsforscher Todd Rose beschreibt in seinem Buch The End of Average, dass Menschen keine gleichmäßigen Fähigkeitsprofile haben. Jeder Mensch besitzt ein individuelles Muster aus Stärken und Entwicklungsfeldern. Rose nennt das das Jaggedness-Prinzip: Fähigkeiten entwickeln sich unabhängig voneinander. Ein Durchschnittswert sagt wenig über eine einzelne Person aus.
Das Jagged Profile überträgt diesen Gedanken auf Kinder. Es gibt ihnen ein Werkzeug, um ihre eigene Entwicklung zu sehen – ohne sich mit anderen vergleichen zu müssen.
WARUM SELBSTEINSCHÄTZUNG?
Die Forschung zu Metakognition zeigt: Wenn Kinder über ihr eigenes Lernen nachdenken, lernen sie besser. Planen, beobachten, auswerten – dieser Dreiklang stärkt Lernfortschritte messbar. Das belegen unter anderem die Studien der Education Endowment Foundation.
Das Jagged Profile nutzt genau diesen Ansatz. Kinder fragen sich:
- Was kann ich schon?
- Wo brauche ich Übung?
- Was hilft mir beim Lernen?
Das ist kein Test. Es gibt keine richtigen oder falschen Antworten. Es geht um den ehrlichen Blick auf sich selbst.
WELCHE FÄHIGKEITEN STEHEN IM PROFIL?
Das Profil umfasst sieben Fähigkeiten, die sich an den Kernkompetenzen des Social Emotional Learning orientieren. CASEL – die bekannteste Organisation in diesem Bereich – beschreibt fünf Kompetenzbereiche: Selbstwahrnehmung, Selbstmanagement, soziale Wahrnehmung, Beziehungskompetenzen und verantwortungsvolle Entscheidungsfindung.
Im Jagged Profile sieht das so aus:
- Neugierig denken
- Mit anderen zusammenarbeiten
- Gefühle regulieren
- Dranbleiben bei schwierigen Aufgaben
- Aus Fehlern lernen
- Konflikte lösen
- Entscheidungen treffen
Zusätzlich gibt es leere Felder. Kinder können eigene Fähigkeiten ergänzen, die ihnen wichtig sind.
FÜR ELTERN: SO NUTZT DU DAS PROFIL ZUHAUSE
Das Jagged Profile eignet sich gut als Gesprächsanlass. Nicht als Kontrolle.
Schritt 1 – Gemeinsam anschauen. Erkläre deinem Kind kurz, was die drei Stufen bedeuten. Grow heißt nicht schlecht. Es heißt: Da ist noch Raum.
Schritt 2 – Dein Kind schätzt sich ein. Lass dein Kind die Punkte selbst setzen. Halte dich zurück, auch wenn du es anders einschätzen würdest. Es geht um die Perspektive deines Kindes.
Schritt 3 – Ins Gespräch kommen. Fragen, die helfen: „Was fällt dir leicht?" oder „Wo würdest du gerne wachsen?" Hör zu, bevor du antwortest.
Schritt 4 – Ziele setzen. Dein Kind wählt ein oder zwei Fähigkeiten aus, die es weiterentwickeln möchte. Gemeinsam überlegt ihr kleine, konkrete Schritte.
Wichtig: Das Profil ist eine Momentaufnahme. Es zeigt den Stand von heute. Nicht das Urteil für immer. Wiederhole es nach ein paar Monaten – und schaut zusammen, was sich verändert hat.
Das Profil kann besonders hilfreich sein für Kinder, die im Alltag viele Rückmeldungen über Fehler bekommen. Es macht Stärken sichtbar. Und es zeigt: Unterschiede sind normal.
FÜR LEHRKRÄFTE: SO SETZT DU DAS PROFIL IM UNTERRICHT EIN
Das Jagged Profile lässt sich als Reflexionswerkzeug in den Unterricht einbauen. Es ergänzt klassische Leistungsrückmeldungen um eine Ebene, die sonst oft fehlt: die Selbstwahrnehmung der Kinder.
Einführung. Erkläre zu Beginn, dass alle Menschen ein gezacktes Profil haben. Niemand ist überall gleich stark. Das nimmt den Druck und schafft eine offene Atmosphäre.
Durchführung. Kinder füllen das Profil selbst aus. Plane dafür 15 bis 20 Minuten ein. Geh durch den Raum, beantworte Fragen – aber bewerte nicht.
Reflexion. Anschließend können Kinder in Zweiergruppen über ihr Profil sprechen. Leitfragen helfen: „Was hat dich überrascht?" oder „Welche Fähigkeit möchtest du in den nächsten Wochen stärken?"
Wiederholung. Das Profil entfaltet seine Wirkung durch Wiederholung. Sinnvolle Zeitpunkte: zu Beginn eines Halbjahres, nach zwei bis drei Monaten, am Ende eines Lernabschnitts. Der Vergleich zeigt Entwicklung – und macht Fortschritte sichtbar, die in Noten oft untergehen.
Ziele und Strategien. Lass Kinder zu ihren Wachstumsfeldern konkrete Strategien formulieren. Zum Beispiel: „Ich arbeite zehn Minuten weiter, bevor ich aufgebe" oder „Ich frage jemanden um Hilfe, wenn ich feststecke." Diese Verbindung von Reflexion und Handlung stärkt Selbstregulation.
Das Profil passt gut in bestehende Strukturen wie Lernentwicklungsgespräche, Portfolio-Arbeit oder den Klassenrat.
WARUM DAS PROFIL BEI UNGLEICHMÄSSIGER ENTWICKLUNG HILFT
Manche Kinder erleben im Alltag ein Ungleichgewicht: viel Rückmeldung über das, was nicht klappt. Wenig über das, was gut läuft. Das betrifft oft Kinder mit ADHS, hoher Reizoffenheit oder anderen Formen atypischer Entwicklung.
Das Jagged Profile verändert die Perspektive. Es fragt nicht: Was fehlt dir? Sondern: Wo stehst du – überall?
Todd Rose betont, dass ungleichmäßige Fähigkeitsprofile kein Defizit sind. Sie sind der Normalfall. Ein Kind, das bei „Neugierig denken" auf Sorted steht und bei „Dranbleiben bei schwierigen Aufgaben" auf Grow, hat kein Problem. Es hat ein Profil. Wie jeder andere Mensch auch.
Diese Haltung macht einen Unterschied. Für das Kind. Und für die Erwachsenen um das Kind herum. Statt über Defizite zu sprechen, entsteht ein Gespräch über Entwicklung. Über Stärken und nächste Schritte.
DREI BOTSCHAFTEN DIE DAS PROFIL VERMITTELT
Jeder Mensch hat ein eigenes Profil. Unterschiede sind normal. Es gibt kein richtiges oder falsches Profil.
Fähigkeiten können wachsen. Das Profil zeigt den aktuellen Stand. Kein dauerhaftes Urteil.
Erfolg ist mehr als Noten. Lernen bedeutet denken, fühlen, mit anderen arbeiten, Schwierigkeiten überwinden. Das Jagged Profile macht das sichtbar.
VORLAGE ZUM DOWNLOAD
Wir haben ein Arbeitsblatt erstellt, das du direkt nutzen kannst – zu Hause oder in der Klasse. Es enthält die sieben Fähigkeiten, Platz für eigene Ergänzungen, das Diagramm zum Punkte-Setzen und einen Reflexionsbogen mit Zielsetzung.
Jagged Profile Arbeitsblatt herunterladen (PDF)
Das zweite Arbeitsblatt ist unsere eigene Calmi-Version mit den Fähigkeiten, auf die es im Leben wirklich ankommt.
Jagged Profile Calmi Version herunterladen (PDF)
QUELLEN UND WEITERFÜHRENDE INFORMATIONEN
- Todd Rose: The End of Average – How We Succeed in a World That Values Sameness (2015). Grundlage des Jaggedness-Prinzips und der Idee individueller Entwicklungsprofile.
- Education Endowment Foundation: Metacognition and Self-Regulation. Teaching and Learning Toolkit. Forschungsüberblick zu metakognitiven Strategien im Unterricht.
- CASEL: What Is the CASEL Framework? Beschreibung der fünf Kernkompetenzen im Social Emotional Learning.
- California Department of Education: Transformative SEL Competencies. Altersbezogene Entwicklungsindikatoren für sozial-emotionale Kompetenzen.
- Andrade, H. G.: Student Self-Assessment. ERIC. Forschung zu kriteriumsbezogener Selbstbewertung und deren Wirkung auf Lernprozesse.