Warum Schule für Kinder mit ADHS so anstrengend ist
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Ein Beitrag von Thorsten von Calmi
Schule als Entwicklungsraum und Belastungssystem
Schule ist für viele Kinder ein prägender Ort, ein Raum des Lernens, der sozialen Orientierung und der Entwicklung, und für Kinder mit ADHS ist dieser Raum oft besonders herausfordernd, nicht weil sie weniger wollen, weniger verstehen oder weniger leisten könnten, sondern weil das System Schule Fähigkeiten voraussetzt, die bei ADHS unter Belastung nicht zuverlässig verfügbar sind.
Reizoffenheit und Aufmerksamkeit unter Dauerbelastung
Kinder mit ADHS sind häufig stark reizoffen, ihr Gehirn filtert Umweltreize weniger stabil, Geräusche, Bewegungen, Gespräche und visuelle Eindrücke drängen sich gleichzeitig auf, und in einem Klassenzimmer mit vielen Kindern entsteht so schnell eine Reizdichte, die das Aufrechterhalten von Aufmerksamkeit massiv erschwert. Dabei geht es nicht um mangelnde Intelligenz oder fehlendes Interesse, sondern um die neurobiologische Schwierigkeit, unter konkurrierenden Reizen eine innere Ordnung zu halten und den Fokus auf eine vorgegebene Aufgabe zu richten.
Aufmerksamkeit ist kontextabhängig, nicht defekt
Ein häufiges Missverständnis besteht darin, Aufmerksamkeit als etwas zu betrachten, das entweder vorhanden ist oder fehlt. Bei ADHS ist Aufmerksamkeit jedoch stark kontextabhängig. In Situationen mit emotionaler Sicherheit, klarer Struktur, überschaubaren Reizen und innerer Motivation können Kinder mit ADHS sehr wohl aufmerksam sein, oft sogar hochkonzentriert, während dieselben Kinder unter Lärm, Zeitdruck oder unklaren Anforderungen innerlich den Halt verlieren. Aufmerksamkeit ist dann nicht weg, sondern bricht unter Belastung weg.
Wenn Kinder sagen, Schule sei langweilig
Wenn Kinder in diesem Zustand sagen, Schule sei langweilig, dann ist das selten eine Beschreibung von Desinteresse, sondern häufig eine vereinfachte Sprache für Überforderung. Viele Kinder erleben, dass sie dem Unterricht nicht folgen können, dass Inhalte nicht gespeichert werden, dass sie am Ende einer Stunde nicht wissen, worum es ging, und dass daraus Frust, Rückzug oder motorische Unruhe entstehen. Langeweile ist hier oft ein Schutzwort für das Gefühl, den Anschluss zu verlieren.
Die Rolle der Eltern im Spannungsfeld Schule
Für Eltern ist diese Situation besonders belastend, weil sich die Schwierigkeiten häufig erst zu Hause voll zeigen, wenn Hausaufgaben anstehen und deutlich wird, dass das Kind nicht weiß, was zu tun ist oder wie es vorgehen soll. Dann entsteht schnell ein Kreislauf aus Erschöpfung, Frustration und gegenseitigem Unverständnis, obwohl das Kind sich anstrengt und die Eltern helfen wollen. Entscheidend ist an dieser Stelle die Erkenntnis, dass das Kind nicht faul ist, nicht provoziert und nicht absichtlich versagt, sondern im schulischen Kontext keinen stabilen Zugriff auf seine Fähigkeiten hat.
Nähe, Bindung und Lernregulation
Diese Einordnung verändert die Beziehung, weil sie Schuld aus dem System nimmt und den Blick auf Unterstützung lenkt. Gleichzeitig ist es wichtig, die Rolle der Eltern realistisch zu betrachten. Viele Kinder regulieren sich bei fremden Personen besser als bei ihren Eltern, nicht weil diese etwas falsch machen, sondern weil Bindung Nähe und alte Konfliktmuster aktiviert. In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, Lernprozesse zeitweise zu entkoppeln, Hausaufgaben zu delegieren oder klare zeitliche und räumliche Strukturen zu schaffen, um Beziehung zu entlasten.
Lehrkräfte zwischen Anspruch und Realität
Auch Lehrkräfte stehen in diesem Spannungsfeld unter hoher Belastung. Verhalten wie Aufstehen, Wegschauen, Geräusche machen oder emotionale Ausbrüche wird schnell als Störung oder Provokation erlebt, besonders wenn der Hintergrund nicht bekannt ist. Wissen über ADHS ermöglicht hier eine innere Distanzierung, durch die Verhalten nicht persönlich genommen wird, sondern als Ausdruck eingeschränkter Selbststeuerung verstanden werden kann. Erst dann entsteht Raum für pädagogisches Handeln statt reaktiver Sanktionen.
Mädchen mit ADHS werden oft übersehen
Besonders wichtig ist der Blick auf Mädchen mit ADHS, die im Schulalltag häufig übersehen werden, weil sie weniger stören, sich eher zurückziehen, träumen oder innerlich abschalten. Diese Kinder fallen nicht auf, leiden aber oft still unter Überforderung, Selbstzweifeln und Erschöpfung. Ihre Symptome sind häufig internalisierend, was eine erhöhte Aufmerksamkeit seitens der Lehrkräfte erfordert, um frühe Unterstützung zu ermöglichen.
Was im Schulalltag konkret hilft
Praktische schulische Maßnahmen können viel bewirken, wenn sie individuell angepasst werden. Dazu gehören ein reizärmerer Sitzplatz, die Möglichkeit mit Kopfhörern zu arbeiten, zusätzliche Zeit bei Klassenarbeiten, kleinere Prüfungssettings oder kurze direkte Ansprache zur Reorientierung. Diese Maßnahmen sind keine Sonderbehandlung, sondern ein Ausgleich für neurobiologische Unterschiede, der erst ermöglicht, vorhandenes Potenzial zu zeigen.
Diagnose als Einordnung, nicht als Lösung
Eine ADHS-Diagnose kann in diesem Prozess entlastend wirken, weil sie Verhalten einordnet und Zugang zu Nachteilsausgleichen schafft, sie ist jedoch kein Selbstläufer. Ohne ein System, das bereit ist, flexibel auf individuelle Bedarfe zu reagieren, bleibt die Diagnose folgenlos. Entscheidend ist nicht das Etikett, sondern die Übersetzung in konkrete Unterstützung.
Systemische Grenzen und Verantwortung
Am Ende zeigt sich, dass die Schwierigkeiten von Kindern mit ADHS im Schulsystem weniger über das Kind selbst aussagen als über die Grenzen eines Systems, das stark auf Gleichförmigkeit, Tempo und Selbststeuerung setzt. Kleinere Lerngruppen, individuelle Begleitung und ein differenzierter Blick auf Entwicklung könnten vielen Kindern helfen, unabhängig vom sozialen Hintergrund. Bildung darf nicht davon abhängen, wie gut eine Familie kompensieren kann, sondern davon, wie gut ein System Vielfalt tragen kann.